Die endlose Schleife der Vernunft
Eine kritische Re-Lektüre der Frankfurter Schule im Lichte des Kantischen Scheiterns. Warum die intellektuelle Elite der Bundesrepublik von Marx zurück zu Kant flüchtete – und welchen Preis wir dafür zahlen.
Das Kernproblem: Die Denkschleife
Der Bericht analysiert eine fundamentale Regression: Die Kritische Theorie trat an, das „falsche Ganze“ zu sprengen (Marx/Hegel), scheiterte an der politischen Praxis (1968) und flüchtete zurück in die Sicherheit der Transzendentalphilosophie (Kant).
Idealistische Gravitation
Adorno & Horkheimer: Flucht vor dem „Positivismus“ in eine dialektische Metaphysik.
Der Bruch (1968)
Die Angst vor der Praxis führt zur „Säuberung“ der Theorie durch Habermas.
Re-Kantianisierung
Schnädelbach & Habermas etablieren die „Vernunft“ als akademischen Herrschaftsdiskurs.
Der historische Verlauf der Regression
Interagieren Sie mit dem Diagramm, um zu sehen, wie die „Kritische Härte“ (Negativität) zugunsten der „Akademischen Akzeptanz“ (Normativität) aufgegeben wurde.
1969: Adornos Tod & das Trauma
Der Tod Adornos markiert den Wendepunkt. Das „ödipale Drama“ mit der Studentenbewegung (Krahl) hinterlässt ein Vakuum. Die „orthodoxen“ Schüler ziehen sich zurück, während Habermas beginnt, die Theorie von ihren „irrationalen“ Schlacken zu säubern.
Anatomie der Wende
Vergleichen Sie die theoretische Ausrichtung der verschiedenen Phasen. Die Grafik zeigt deutlich, wie sich die Frankfurter Schule von ihrem ursprünglichen Anspruch (Adorno) entfernte und dem Ideal der „Reinen Vernunft“ (Kant/Habermas) annäherte.
Adorno / Horkheimer
Ziel: Entlarvung des falschen Ganzen. Angst vor Empirie.
Habermas / Schnädelbach
Ziel: Normative Legitimation. Diskursethik.
Droste (Kritik)
Ziel: Empirischer Realismus. Abschied vom Mythos.
Die Opportunitätskosten
Was ging verloren auf dem Weg zurück zu Kant?
In der Schleife Kant-Hegel-Marx-Kant ging Marx verloren. Ökonomische Analysen wichen der „Diskursethik“. Versuche einer materialistischen Theorie (Negt/Kluge) wurden als „skurril“ marginalisiert.
Die Flucht in universale Prinzipien (Verfassungspatriotismus) diente oft dazu, sich nicht der konkreten Tätergeschichte stellen zu müssen. „Wiedergutmachung durch Philosophie“ statt Konfrontation.
Immunisierung gegen Erfahrung durch Konstruktion „idealer Sprechsituationen“. Die Theorie wurde zum „Staatsphilosophen“, unfähig, moderne wissenschaftliche Erkenntnisse (Neuroscience) zu integrieren.
Epilog: Der hohe Preis des fehlplatzierten Zutrauens
Vorgeschlagene Ergänzung für „Abschied von Immanuel Kant“
Ein erschütterndes historisches Zeugnis für diese fatale Bindungskraft und die daraus resultierenden Opportunitätskosten liefert uns der Blick auf die wohl bedeutendste intellektuelle Strömung der alten Bundesrepublik: die Frankfurter Schule. Wie Jörg Später in seiner Chronik „Adornos Erben“ eindrucksvoll dokumentiert, mündeten die theoretischen Anstrengungen der Kritischen Theorie nach 1969 nicht etwa in einer Überwindung des Idealismus, sondern in dessen raffinierter Restauration.
Nachdem die geschichtsphilosophischen Hoffnungen auf Hegel und Marx an der Realität des „Deutschen Herbstes“ und der neoliberalen Wende zerschellt waren, suchten Vordenker wie Jürgen Habermas und Herbert Schnädelbach ihr Heil nicht in einer radikalen Hinwendung zur empirischen Realität. Stattdessen traten sie die Flucht zurück in die vermeintliche Sicherheit Kantischer Normativität an.
In einer tragischen Volte wurde die „Negative Dialektik“ durch eine „Theorie der Rationalität“ ersetzt – Gedankengebäude, die auf den alten Fundamenten der Transzendentalphilosophie errichtet waren. Die intellektuelle Elite endete damit, die bürgerliche Vernunft mit Mitteln zu legitimieren, die Kant bereitgestellt hatte, um preußische Untertanen zu formen.
„Diese historische Entwicklung offenbart die ganze Tragik der ‚fruchtlosen Denkschleife‘: Kant–Hegel–Marx–Kant. Wer Kant nicht verabschiedet, kann nicht in der Gegenwart ankommen.“
Um dieser Ära der ständigen theoretischen Regression endgültig ein Ende zu machen, bedarf es mehr als einer „Kritik“; es bedarf eines radikalen Schnitts, der uns erlaubt, die Welt endlich so zu sehen, wie sie ist, und nicht, wie sie durch die Brille eines preußischen Pflichtethikers erscheinen soll.